N. Azari, Psalm 23

“Die Psychologin Nina Azari von der Düsseldorfer Heinrich Heine-Universität … ließ zwölf Testpersonen – sechs überzeugte Atheisten sowie sechs aktive Mitglieder einer evangelischen Freikirche – den berühmten Psalm 23 in einer Art Hirnscanner rezitieren: ‘Der Herr ist mein Hirte, mir wird an nichts mangeln …’ Die Wissenschaftlerin wollte herausfinden, ob Spiritualität eine Entsprechung im Gehirn besitzt. …

Die Forscherin hatte ihre zwölf Probanden sehr gezielt ausgewählt. Zum Beispiel hatten alle bei einem Fragebogentest vergleichbare Werte in punkto Lebenszufriedenheit erreicht. Ein einziges Kriterium trennte die zwölf ohne Wenn und Aber in zwei Lager: der Glaube. Die bekennenden Christen schauten ohne Ausnahme auf ein Bekehrungserlebnis zurück.

Nun blickte Azari ihnen beim Ablesen dreier Texte ins Allerheiligste. Außer Psalm 23 mussten die Versuchspersonen zu Kontrollzwecken noch eine staubtrockene Anleitung zur Benutzung einer Telefonkarte sowie einen Kinderreim ohne religiösen Inhalt lesen.

Währenddessen zeichnete die Positronenemissionstomografie die Vorgänge in den Gehirnen auf. Bei dieser Methode wird den Probanden eine schwach radioaktive Substanz in die Armvene gespritzt. Sie reichert sich in Minutenschnelle im Gehirn an. Areale mit höherer Abstrahlung lassen dabei auf eine höhere Durchblutung schließen.

Das Ergebnis der Studie: Tatsächlich fielen die Gehirne der Gläubigen beim Sprechen des Bibeltextes durch besondere Aktivität auf. Und zwar in mehreren Bereichen der Stirn- und Scheitellappen, genauer: in Arealen, die für die Bewertung von Gedanken wichtig sind.

 Azari interpretiert diesen Befund so: In der ungewohnten, alltagsfernen Laborsituation, in einem unbequemen Apparat liegend, versuchten sämtliche Testteilnehmer, dem Geschehen Sinn zu verleihen. Hierfür konnten die Christen den vertrauten Psalmausschnitt heranziehen, der Trost in unsicherer Lage verheißt. Wer den Text nicht auf sich beziehen konnte, dem half er auch nicht.”

(zit. →  C. Könneker, Weihnachten im Gehirn, in: Tagesspiegel 22.12.2006)

 

Orginal- bzw. wissenschaftliche Texte:

  • Azari, N. P., Neural correlates of religious experience, in: European Journal of Neuroscience 13 (2001), 1649–1652
  • Beauregard, M., Neuroscience and Spirituality. Findings and Consequences, in H. Walach et al. (Hgg.), Neuroscience, Consciousness and Spirituality, Springer 2011, 57-74, 63

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