S. Murken: nicht jeder Glaube “nützt”

“Wie sehr das für die Religion gilt, belegt die Arbeit des Religionspsychologen Sebastian Murken . In einer onkologischen Fachklinik in Bad Kreuznach hat Murken untersucht, inwieweit der Glaube von Brustkrebspatientinnen ihren Heilungsprozess beeinflusst. Ergebnis: Eine religiöse Orientierung kann tatsächlich bei der Bewältigung von Krankheiten helfen – allerdings nur unter bestimmten Bedingungen.

Hilfe im Glauben fanden vor allem jene Patientinnen, die hochreligiös waren und ein positives Gottesbild hatten, für die der Begriff ‘Gott’ also mit Werten wie Liebe, Mitgefühl, Vergebung besetzt war. Nach dem Motto ‘Was Gott tut, das ist wohlgetan’ konnten sie ihre Brustkrebs-Erkrankung viel besser annehmen, ihr sogar noch einen positiven Sinn abgewinnen und sie damit psychologisch gut verarbeiten.

Wer von den Patientinnen dagegen das Bild eines strengen, strafenden Gottes im Herzen trug, litt in der Klinik verstärkt unter Angst- und Depressionszuständen; diese Frauen machten sich häufig religiös begründete Vorwürfe, sahen ihren Brustkrebs als Strafe für vergangene Sünden an und setzten sich damit noch zusätzlich unter Druck.

Auch die unentschiedenen Vertreterinnen einer ‘mittleren Alltagsreligiosität’ profitierten nicht von ihrem (schwankenden) Glauben. Sie waren in der Klinik vor allem von Verunsicherung und Zweifeln geplagt. Das zeigt, wie sehr die innere Einstellung bestimmt, ob ein Glaube heilsam oder schädlich wirkt – ein Sachverhalt, den Murken in dem schönen Satz zusammenfasst: ‘Eine Religion hilft vor allem denen, die stark daran glauben, dass sie ihnen hilft.'”

(zit. U. Schnabel, Unterm Mystikhelm [ZEIT, 19.07.2010])